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Der Lucretia-Komplex

Über historische Allegorien der Freiheit in der Kunst und ihr zeitgenössisches Nachleben.

Vortrag von Jörg Heiser

 

10. Juni 2015
18 Uhr
Hochschule für Künste
Raum 4.15.070
Speicher XI 8
Bremen

Das Fehlen eindrücklicher Bilder für abstrakte und oft unsichtbare Formen der Unterdrückung – von ökonomischen Strukturen bis zu digitaler Überwachung – wird seit Jahren beklagt. Entsprechend haben die Massenmedien den gleichen Typus Bilder endlos wiederholt: ein Ethernet-Kabel vor einem Emblem der NSA; bunte Kuchendiagramme und rote Pfeile im Börsen-Zickzackkurs, um Bankenkrisen und Verschwinden der Mittelschicht zu illustrieren. In den Achtzigerjahren, um es brutal auszudrücken, bedurfte die Tierrechtsbewegung der Bilder erschlagener Robbenbabies, um an Fahrt aufzunehmen. Und auch derzeit fragt man sich, ob die Anteilnahme im Fall des abgestürzten Germanwings-Fluges nicht zuletzt auch deshalb so viel deutlicher und staatsgetragener ausfiel als bei den tausenden toten Bootsflüchtlingen alleine 2015 im Mittelmeer, weil letztere buchstäblich in den Tiefen des Meeres „verschwinden“.

Währenddessen kann zwar die Guy-Fawkes-Maske mit ihrem sarkastischen Grinsen, welche mit den diversen Occupy-Bewegungen allgegenwärtig wurde, als Ausdruck von Widerstand und Beharrlichkeit gelesen werden; aber sie kann eine Visualisierung dessen, wofür dieser Kampf tatsächlich stehen soll bzw. wogegen genau er sich richtet, nicht ersetzen. Was sagt uns diese gegenwärtige Abwesenheit ikonischer Visualisierung oder „physischer Inkarnationen“ von Freiheit bzw. der Formen ihrer Unterdrückung über historische Figuren wie etwa – um die bekannteste zu nennen – die Freiheitsstatue? Ist diese, zillionenmal reproduziert auf Kaffeetassen und T-Shirts, längst zur Travestie geworden durch eine politische Agenda, die ihr Hohn spricht – oder wohnt ihr noch ein „unzerstörbarer“ Rest von Freiheitsversprechen inne? Oder – um ein weiteres Beispiel einer historischen Freiheitsallegorie in Gestalt einer Frau zu nennen – wie verhält es sich mit der Legende von Lucretia, deren „Freitod“ durch den Dolch nach ihrer Vergewaltigung durch den Tyrannensohn zum Gründungsmythos der Römischen Republik wurde – und die zu einem der beliebtesten Motive der italienischen wie deutschen Renaissancemalerei avancierte?

Mit Arbeiten von u.a. Danh Vo, Marko Lulic und Alexandra Domanovic werde ich auch auf zeitgenössische künstlerische Beiträge eingehen, die sich offenbar genau solche und ähnliche Fragen stellen.

Jörg Heiser ist Co-Chefredakteur von frieze, Herausgeber von frieze d/e und schreibt als Kunstkritiker u.a. für die Süddeutsche Zeitung. Er ist Gastprofessor an der Kunstuniversität Linz und lehrt an der Hochschule der Bildenden Künste Hamburg. Nach dem Studium der Philosophie erscheint seine Dissertation der Kunstgeschichte (Humboldt Universität Berlin) im September als Doppelleben Kunst und Popmusik (Fundus/Philo Fine Arts). 2007 erschien Plötzlich diese Übersicht. Was gute zeitgenössische Kunst ausmacht (Ullstein/Claassen), sowie im Juni der Band Sculpture Unlimited II (Sternberg Press, hg. mit Eva Grubinger). Heiser kuratierte u.a. die Ausstellung Romantischer Konzeptualismus (Kunsthalle Nürnberg und Bawag Foundation Wien, 2007, Katalog). Er lebt in Berlin.

Organisation: Prof. Katrin von Maltzahn